​Warum wir nicht in den HGI-Topscorer RIB Software investieren

31.08.2019 | Frank Seehawer

RIB Software Aktie

Der Megatrend Digitalisierung erfasst mittlerweile viele Industrien und verändert diese grundlegend. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Unter anderem gehören dazu eine schnellere, kostengünstigere und damit effizientere Abwicklung von Prozessen.

Ein Unternehmen, das von der Digitalisierung des Bauwesens stark profitieren will, ist die RIB Software (ISIN: DE000A0Z2XN6). Das Zahlenwerk des Bausoftware Herstellers zeichnet sich durch ein hohes profitables Wachstum bei geringer Verschuldung aus, womit das Unternehmen zuletzt eine Spitzenplatzierung auf der HGI-Topscorer Liste des aktien.guide erreichte. In diesem Quick-Check wollen wir das Unternehmen genauer unter die Lupe nehmen … und kommen zu einem verblüffenden Ergebnis.

Unternehmensprofil der RIB Software

RIB Software wurde im Jahr 1961 gegründet und ist ein Anbieter von Softwarelösungen für das Bauwesen im Bereich des Enterprise Resource Planning (ERP). Es konzipiert, entwickelt und vertreibt nach eigenen Angaben modernste Technologien auf Basis einer Cloud-basierten Plattform.

Das in Stuttgart ansässige Unternehmen beschäftigt über 1.400 Mitarbeiter und ist in über 20 Ländern der Welt aktiv. Mehr als 100.000 Kunden sorgten im Geschäftsjahr 2018 für einen Umsatz von rund 140 Millionen Euro.

Ein Paar Worte zum Vorstand der RIB Software

Der aktuelle CEO, Thomas Wolf, kam im Jahr 2001 in das Unternehmen und wurde im Jahr 2009 in den Vorstand berufen. Über 20 Jahre Berufserfahrung kann er im Bau-IT-Sektor vorweisen, mit denen er auch die RIB Software entscheidend geprägt hat. Sein Anstellungsvertrag läuft allerdings nur noch bis zum Jahr 2022 und wird auf eigenen Wunsch nicht mehr verlängert. Der Familie Thomas Wolf werden rund 16,9 % der Unternehmensanteile zugeordnet.

Zur Person Thomas Wolf findet man im Web einige kritische Artikel. Bereits zu Zeiten des Neuen Marktes führte er den Baustoffhändler Mühl Product & Service, der später in die Insolvenz ging. Er sei schon häufiger durch großspurige Versprechungen aufgefallen, die nicht eingehalten werden konnten.

Umsatzstruktur – wiederkehrende Softwareumsätze kennzeichnen die Umsatzstruktur

Im ersten Halbjahr 2019 lag der Anteil der wiederkehrenden Softwareumsätze bei 56 %. Rund 21 % der Softwareumsätze hatten einen nicht wiederkehrenden Charakter. Mit einem Anteil von 18 % nahm das Servicegeschäft einen noch bedeutenden Anteil ein. Die restlichen 5 % der Umsätze wurden dem E-Commerce-Bereich zugerechnet.

Im Bereich der wiederkehrenden Softwareumsätze stammen 49 % aus dem Cloud-Bereich, 41 % wurden dem Support zugeordnet und 10 % den Managed Services.

Die Cloud ist der Wachstumstreiber von RIB Software

Die wiederkehrenden Software Umsätze waren im ersten Halbjahr 2019 mit einem Zuwachs von 87 % der absolute Wachstumstreiber des Unternehmens. Insbesondere der Cloud-Bereich machte im ersten Halbjahr 2019 mit 244 % Umsatzzuwachs wahre Quantensprünge.

Das Wachstum der nicht wiederkehrenden Softwareumsätze war mit 10,9 % deutlich schwächer, jedoch noch zweistellig. Das Servicegeschäft konnte mit 31 % ein ebenfalls gutes Wachstum verzeichnen, während das E-Commerce-Geschäft mit 4,4 % nur noch einstellig zulegte.

Deutschland dominiert, das Asiengeschäft wächst in einem enormen Tempo

Geografisch gesehen, ist die Region Europa mit dem Nahen Osten und Afrika (EMEA) das größte Absatzgebiet der RIB Software. Hier wurden im ersten Halbjahr 67 % in der Umsätze generiert. Deutschland dominiert dabei die EMEA-Absatzregion.

Mit einem Umsatzanteil von 18 % war die asiatisch-pazifische Region (APAC) das zweitstärkste Verkaufsgebiet. Auf den dritten Platz kam mit einem Anteil von 15 % die Region Nordamerika.

Das größte Umsatzwachstum wurde in der APAC-Region mit 191 % generiert. In Nordamerika konnten die Umsätze im ersten Halbjahr 2019 um 78 % gesteigert werden, während die EMEA-Region um 26,3 % gewachsen ist.

Die letzten Quartalszahlen der RIB Software und Ausblick auf das Jahr 2019 – Prognoseerhöhung aufgrund guter M&A Pipeline

Konkret erzielte die RIB Software im ersten Halbjahr 2019 Umsatzerlöse in Höhe von 92,5 Millionen Euro, die – auch akquisitionsbedingt – um 48,2 % gegenüber dem Vorjahreswert von 62,4 Millionen Euro gestiegen sind.

Die Profitabilität, gemessen am EBITDA (Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Amortisationen), konnte jedoch nicht im gleichen Maß gesteigert werden. So erhöhte sich das EBITDA für die ersten sechs Monate des Jahres 2019 nur um 14,4 % auf einen Wert von 21,5 Millionen Euro.

Die bisherige Umsatzerwartung von 180 bis 200 Millionen Euro für das Geschäftsjahr 2019 wurde mit der Veröffentlichung der Halbjahreszahlen um 20 Millionen Euro auf einen Wert von 200 bis 220 Millionen hochgeschraubt. Anlass für diese erfreuliche Entwicklung gebe die weiterhin starke M&A-Pipeline.

Zuletzt, am 28. August 2019, wurde ein 60 %-iger Anteilserwerb an dem in Kalifornien ansässigen Unternehmen U.S. CAD bekannt gegeben. Insgesamt wurden 26,4 Millionen US-Dollar für den Anteil ausgegeben. Die Investition soll den USA-Umsatz von RIB Software voraussichtlich im ersten Halbjahr 2020 verdoppeln.

Auch die Ertragserwartung, gemessen an der EBITDA-Prognose, wurde mit dem Halbjahresbericht 2019 angehoben. Nunmehr wird von einem EBITDA zwischen 45 bis 50 Millionen Euro für das Geschäftsjahr 2019 ausgegangen (Vorher: 36 bis 46 Millionen Euro).

Langfristig möchte RIB Software eine weltweite Plattform für das Bauwesen aufbauen mit zwei Millionen Nutzern, die dann 50 Dollar monatlich zum EBITDA beitragen. Das würde rechnerisch einem EBITDA von 1,2 Milliarden Dollar jährlich entsprechen – große Visionen also.

Aktienkursentwicklung sehr volatil

RIB Software Chart

Quelle: Wallstreet-online.de; Stand: 31.8.2019.


High-Growth-Investing Analyse der RIB Software - Stand 31.8.2019

RIB Software HGI Analyse

Werfen wir nun einen Blick auf die Kennzahlen der High-Growth-Investing Analyse, die dafür gesorgt haben, dass RIB Software zu einem aktuellen HGI-Topscorer geworden ist.

Mit jeweils drei Punkten stachen dabei vier Kennzahlen besonders hervor: Die Bewertung gemäß EV/Sales, das Umsatzwachstum der letzten 12 Monate von 42,2 %, der geringe Verschuldungsgrad sowie der Score der Rule-of-40. Zusätzlich gab es einen Punkt für den Wert der Gross Margin von 51,8 %.

Die Gesamtpunktzahl beträgt 13 Punkte und ist damit aktuell der höchste Wert auf der Ranking-Skala der HGI-Strategie. Kommen wir nun zum Fazit, ob das Unternehmen auch wirklich aktuell ein Kauf sein kann.

Fazit: RIB Software ist kein Kandidat für die HGI-Strategie

RIB Software ist aufgrund seines Managements und der kritischen Darstellung des Unternehmens in den Finanzmedien für uns kein Kaufkandidat.

Die Vision, eine Plattform mit zwei Millionen zahlenden Nutzern zu entwickeln ist sehr ambitioniert und wirkt angesichts des bisher Erreichten wenig seriös – passt aber irgendwie zu der Person Thomas Wolf.

Besonders hart wird das Unternehmen mit Vorwürfen des Blogs Bilanzcowboys konfrontiert. Hier wird kein gutes Urteil über das Management und die Geschäftspraktiken der RIB Software gefällt. Von Bilanzfälschung, Scheingeschäften und Manipulation ist die Rede.

Das sind wirklich schwere Vorwürfe, die auch dazu geführt haben, dass der Aktienkurs Anfang 2018 dramatisch eingebrochen ist. Ob wirklich etwas an den Vorwürfen und Gerüchten dran ist, können wie ehrlich gesagt nicht beurteilen. Aber diese Beiträge wirken durchaus gut recherchiert und in so einem Fall halten wir uns an Marcel Proust: “Der Zweifel ist dein bester Freund”.