Siemens Aktie: Mit neuer Konzernstruktur fit fürs nächste Jahrzehnt?

19.02.2020 | Frank Seehawer

Siemens Aktie - Bild von Industrie-Kraftwerk

Das Industriekonglomerat Siemens (ISIN: DE0007236101) befindet sich seit Jahren in einem Prozess des Umbaus. Die Neuausrichtung der Geschäftsfelder auf die industriellen Trends Elektrifizierung, Automatisierung sowie Digitalisierung könnte nun eine Ära des verstärkten Wachstums einleiten.

Aktuell zeichnet sich die Siemens Aktie durch eine faire Bewertung bei einer für ein Industrieunternehmen soliden Eigenkapitalquote aus. Auch das zweistellig erwartete Gewinnwachstum überzeugt auf den ersten Blick. Ob das alles für eine Kauferwägung genug ist, das wollen wir mit diesem Artikel überprüfen.


Siemens Unternehmensprofil – Konglomerat der Elektro- und Ingenieurtechnik

Bei Siemens handelt es sich um einen börsennotierten und international tätigen Technologiekonzern, der auf eine mehr als 170-jährige Firmengeschichte zurückblicken kann. Die innovativen Schwerpunkte des Unternehmens lagen dabei häufig im Ingenieurs- und Elektrotechnischen Bereich.

Betriebswirtschaftlich kann das Unternehmen als ein Konglomerat angesehen werden. Hierbei handelt es sich um einen Mischkonzern, der sich über seine selbständigen Tochtergesellschaften breit diversifiziert. Zur Konzernstrategie gehört daher auch die regelmäßige Neuausrichtung über den Zukauf von Geschäftsfeldern sowie der Abstoßung von einzelnen Geschäftseinheiten, die als nicht mehr zukunftsfähig angesehen werden.

Es ist daher nicht verwunderlich, weshalb Siemens der Ursprung einer Vielzahl von börsennotierten Gesellschaften ist. Osram, Siemens Healthineers und Infineon sind nur drei große Namen, die in den letzten 20 Jahren ausgegliedert wurden.

Das Siemens in seiner Strategieumsetzung erfolgreich ist, könnte man an der doch sehr langen Unternehmensgeschichte ablesen, denn für ein börsennotiertes und nicht inhabergeführtes Unternehmen ist eine derart lange Unternehmensgeschichte eher die Seltenheit.


Die aktuelle Siemens-Struktur

Aktuell ist Siemens in den drei operativen Geschäftsfeldern Gas and Power, Smart Infrastructure sowie Digital Industries tätig. Zusätzlich existieren die drei selbstständig geführten Tochterunternehmen Siemens Mobility, Siemens Gamesa sowie Siemens Healthineers.

An der mit etwas über 10 Milliarden Euro bewerteten Siemens Gamesa hält Siemens 59 Prozent, möchte diese Beteiligung aber weiter aufstocken. Die aktuell mit 41 Milliarden Euro bewertete Siemens Healthineers ist seit 2018 börsennotiert. Eine Beteiligung von 85 Prozent ist noch vorhanden und könnte weiter reduziert werden.

Geplant ist zudem mit Siemens Energy einen Bereich zu schaffen, der das konventionelle Öl- und Gasgeschäft mit den erneuerbaren Energien und der Wasserstofftechnologie verbindet. Dieser Geschäftsbereich soll dann gegen Ende 2020 ebenfalls über die Börse ausgegliedert werden.


Die neue Siemens-Struktur

Die neuen Kern-Geschäftsbereiche von Siemens werden mit Digital Industries, Smart Infrastructure sowie Siemens Mobility definiert. Mit diesen drei Geschäftsfeldern versucht sich das Unternehmen auf die aktuellen Trends der Industrie – welche sich mit der Elektrifizierung, Automatisierung sowie Digitalisierung ausgestalten – auszurichten und neue Wachstumsimpulse zu setzen.


Analyse der Siemens Aktie - Geschäftszahlen und Ausblick

Im Geschäftsjahr 2019, welches am 30. September 2019 endete, konnte Siemens die Umsatzerlöse von 83 Milliarden Euro um 4,6 Prozent auf 87 Milliarden Euro steigern. Das Ergebnis nach Steuern sank von 6,1 Milliarden Euro um 7,7 Prozent auf 5,7 Milliarden Euro.

Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2020 verschlechterte sich in die Lage allerdings ein wenig. Der Auftragseingang ging auf vergleichbarer Basis um zwei Prozent von 25,2 auf 24,8 Milliarden Euro zurück. Die Umsatzerlöse erhöhten sich zwar noch um ein Prozent von 20,1 auf 20,3 Milliarden Euro, auf vergleichbarer Basis wurde allerdings ein Rückgang von ein Prozent realisiert. Hier merkt man deutlich, dass einige Kunden von Siemens von einer wirtschaftlichen Abschwächung betroffen sind.

Auch beim Ergebnis nach Steuern wurde ein Rückgang von 3 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro für die ersten drei Monate des Geschäftsjahres 2020 ausgewiesen.

Beim Ausblick wurde die Prognose für das Gesamtjahr 2020 bestätigt. Demnach erwartet der Vorstand die Konzernumsatzerlöse auf vergleichbarer Basis (währungs- und portfoliobereinigt) moderat zu steigern. Das Book-to-Bill-Verhältnis soll über eins liegen.

Beim Ergebnis je Aktie wird mit einem unverwässerten Wert in einer Bandbreite von 6,30 bis 7,00 Euro gerechnet. Im Geschäftsjahr 2019 lag dieser Wert bei 6,41 Euro. Im günstigsten Fall würde das Gewinnwachstum damit bei 9,2 Prozent liegen. Für das dann folgende Jahr 2021 errechnet der aktien.guide ein Gewinnwachstum von 20,1 Prozent auf Basis der erwarteten Gewinne von 6,97 Euro für 2020 und 8,37 Euro für 2021.

Entwicklung des Siemens Gewinnwachstums

Entwicklung des erwarteten Gewinnwachstums der Siemens-Aktie. Stand: 8.2.20.; Quelle: aktien.guide


Aktionärsfreundliche Ausrichtung mit langfristiger Wertsteigerung

Die Siemens Aktie kann als aktionärsfreundlich angesehen werden. Langfristig gesehen (ausgehend von dem Geschäftsjahr 1987) wurde die Dividende jährlich um durchschnittlich 8 Prozent erhöht. In den letzten sechs Jahren wurde die Dividende ohne Unterbrechung erhöht, dafür allerdings nur noch um durchschnittlich 4 Prozent.

Zusätzlich wurden eigene Aktien im Zeitraum 2012 bis 2018 im Wert von rund zehn Milliarden Euro zurückgekauft. Ein weiteres Programm mit einem Volumen von bis zu drei Milliarden Euro für den Zeitraum bis November 2021 wurde bereits aufgelegt.


Entwicklung der Siemens Aktie und wichtige Kennzahlen

Entwicklung der Siemens Aktie seit 1992

Aktienkursentwicklung im Xetra-Handel vom 8.2.20.; Quelle: Wallstreet-Online.de

Ein guter Kennzahlenwert von Siemens ist in der Eigenkapitalquote zu sehen. Diese ist sehr stabil und belief sich auf 34 Prozent für das Gesamtjahr 2020, wofür es in der Analyse zur Levermann-Strategie einen Punkt gab.

Entwicklung der Eigenkapitalquote von Siemens

Entwicklung Eigenkapitalquote von Siemens. Stand: 8.2.20.; Quelle: aktien.guide

Auch das deutlich zweistellig erwartete Gewinnwachstum zeichnet den Industriekonzern aus. Ob dieses allerdings langfristig gehalten werden kann bleibt offen, denn die Gewinne könnten maßgeblich durch Portfolioeffekte verzerrt werden.

Ebenfalls positiv kann man die Dividende von Siemens werten. Diese wächst und könnte ein langfristiger Baustein zur Erhöhung der Gesamtperformance sein. Die letzte Ausschüttung belief sich auf 3,90 Euro – was bei dem aktuellen Aktienkurs einer Dividendenrendite von 3,6 Prozent entspricht.


Bewertung der Siemens Aktie

Gemessen an dem erwarteten Gewinn je Aktie für das Geschäftsjahr 2020, welcher vom aktien.guide mit 6,97 Euro angegeben wird und damit den oberen Wert der vom Konzern vorgegebenen Spanne trifft, lässt sich ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15,5 ermitteln. Für ein Industrieunternehmen könnte dieser Wert in einem stabilen Umfeld als fair angesehen werden. Sollte sich jedoch ein Gewinnwachstum von 20,1 Prozent für das kommende Jahr einstellen, so könnte man das KGV als günstig interpretieren.

Auch die Betrachtung des Free Cashflows – welcher im Geschäftsjahr 2019 bei 5,9 Milliarden Euro lag – würde diese Sicht untermauern. Denn bei einer aktuellen Marktkapitalisierung von 92,1 Milliarden Euro errechnet sich ein Free-Cashflow-Multiplikator von 15,6.

Siemens Aktie - Entwicklung KGV

Entwicklung des aktuellen KGVs von Siemens. Stand: 8.2.20.; Quelle: aktien.guide


Analyse der Siemens Aktie - Fazit

Die Siemens Aktie galt aufgrund ihres Charakters mit monopolartiger Stellung in vielen industriellen Bereichen bei Anlegern als ein Investment, das man über Generationen halten kann. Schaut man sich die Unternehmensgeschichte an, so wird man in dieser Thesis nur bestätigt. Ob die Aktie nach der aktuellen Umstrukturierung weiter als eine Generationen-Aktie anzusehen ist, bleibt fraglich.

Mit Sicherheit erhöhen sich damit die Chancen am Markt bestehen zu bleiben. Sie beherbergen aber auch ein Risiko für Fehlausrichtungen und Managementfehler. Andere Unternehmen verändern ihr Konzernportfolio aber bei weitem nicht so stark, wie es Siemens macht.

Zum aktuellen Stand lässt sich festhalten, dass Siemens ein schwaches erstes Quartal abgeliefert hat. Hier spürt man die Sensibilität des Industriegeschäfts gegenüber konjunkturellen Abschwächungen.

Da sich das Unternehmen noch in einer Neuausrichtung befindet, ist es aktuell schwer einzuschätzen, wie sich Siemens künftig entwickeln könnte. Es ist daher wichtig, die Entwicklung der neuen Kerngeschäftsfelder sowie der Abspaltungen im Blick zu behalten.

Sollte die neue Siemens nachhaltig von den industriellen Trends der Elektrifizierung, Automatisierung sowie Digitalisierung profitieren und ein deutlich zweistelliges Gewinnwachstum in der Zukunft aufweisen, so könnte man die Siemens Aktie als durchaus spannend ansehen.


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Autor: Frank Seehawer

Frank Seehawer ist mehrere Jahre als Investor Relations Manager und Wertpapieranalyst tätig gewesen. Als graduierter Ökonom beschäftigt er sich schon seit über 20 Jahren mit den Aktienmärkten im In- und Ausland. Sein Fachwissen über Aktien teilt er als freier Autor unter anderem mit den Lesern der deutschen Ausgabe von Motley Fool.