AMS Aktie: Was kommt nach der Übernahme von Osram?

04.08.2020 | Frank Seehawer

Analyse der AMS Aktie - Mann mit Smart Home


Mikrochips und Mikrosensoren haben eine große Zukunft. Zu diesem Schluss kommt man, wenn man sich die Bilanzen der großen Chip-Produzenten wie AMD oder Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TMSC) anschaut. Betrachtet man weiter, wo heutzutage überall Mikrochips verbaut werden können und was diese kleinen Rechenchips alles leisten können, so stößt man auf ein nahezu grenzenloses Potenzial.

Auch wenn mittlerweile TSMC den Markt der Auftragsfertiger dominiert, so decken andere große Player wie Nvidia, Intel, AMD oder Broadcom in Amerika und Infineon, STMicroelectronics und ASML in Europa den Großteil des Marktes ab. Trotz der Dominanz dieser Riesen gibt es in Österreich mit der AMS Aktie (ISIN: AT0000A18XM4) ein kleines aber feines Unternehmen, das in dem Halbleiter-Haifischbecken seine Nische gefunden hat.

Die Österreicher sind nämlich führend auf dem Gebiet in der Sensortechnik, deren Lösungen überwiegend in Konsumgüter-Artikeln (Smartphones) Anwendung finden.


Unternehmensprofil – führend im Bereich der Sensortechnik

Bei der AMS Aktiengesellschaft handelt es sich um einen international tätigen Halbleiter- und Sensorhersteller mit Sitz in Österreich. Das Unternehmen fertigt analog-Halbleiter, Sensorschnittstellen, Power Management und Wireless-Lösungen. Weltweit führend ist das in Premstätten ansässige Unternehmen allerdings im Bereich von Sensorlösungen mit Fokus auf optischer Sensorik, Bildsensorik und Audiosensorik.

Die AMS-Lösungen werden vorwiegend in Konsumgüterprodukten, wie beispielsweise Smartphones, eingesetzt. AMS ist ein offizieller Zulieferer von Apple. Im Geschäftsjahr 2019 konnten 74 Prozent der Umsätze den Konsumgütern zugerechnet werden. Nur 26 Prozent der Umsatzerlöse wurden den Bereichen Automotive, Industrie und Medizintechnik zugeordnet.

Auch mit der Übernahme des Münchner Leuchtmittel-Produzenten Osram (ISIN: DE000LED4000) hat AMS zuletzt Schlagzeilen gemacht. In einem Wettbieten mit Finanzinvestoren hatte AMS erfolgreich mehr als vier Milliarden Euro inklusive Schulden und Pensionsverpflichtungen für den deutlich größeren, aber wachstumsschwächeren Traditionskonzern geboten. Das Ziel der Übernahme: das führende europäische Photonik-Unternehmen zu formen, das Expertise aus den Berichen Licht, Chips und Sensorik vereint – Bereiche, die immer stärker zusammenwachsen.

Glaubt man den Gerüchten, so gibt es aber Bedenken, dass Osram nach der Übernahme zerschlagen werden könnte, um so den stolzen Kaufpreis durch den Verkauf von Teilen des Unternehmens teilweise zu refinanzieren. AMS sei von Anfang an vor allem an der Chipsparte von Osram interessiert gewesen.

AMS, das bisher durch sein hohes organisches und profitables Wachstum auffiel, sollte mit der Osram-Übernahme seinen Wachstumskurs weiter forcieren. Die Aktie erscheint anhand zahlreicher Kennzahlen attraktiv. Ob diese allerdings für ein finanzielles Engagement ausreichen, das soll mit der folgenden Analyse geklärt werden.


Die Geschäftszahlen von AMS

Konkret wurde im Geschäftsjahr 2019 ein Umsatz in Höhe von 2,1 Milliarden US-Dollar generiert, der gegenüber dem Vorjahreswert von 1,58 Milliarden US-Dollar um 32 Prozent gesteigert wurde.

Der Auftragseingang erhöhte sich zum Bilanzstichtag um 45 Prozent auf 1,82 Milliarden Euro, während sich der Auftragsbestand um 18 Prozent auf 265 Millionen US-Dollar verringerte.

Bei der Ertragslage gab es ebenfalls ein starkes Wachstum zu vermelden. So konnte das bereinigte Bruttoergebnis vom Umsatz von 500 Millionen US-Dollar um 71 Prozent auf 853 Millionen US-Dollar gesteigert werden.

Das bereinigte Ergebnis der betrieblichen Tätigkeit (EBIT) erreichte mit 433 Millionen US-Dollar einen Wert, der um 207 Prozent über dem vergleichbaren Vorjahreswert von 141 Millionen US-Dollar lag. Die entsprechende bereinigte EBIT-Marge beläuft sich auf 20,8 Prozent.

In diesem Zusammenhang ist die Übernahme des auf Leuchtmittel spezialisierten Unternehmens Osram wichtig. Da im Geschäftsbericht 2019 die Übernahme nur teilweise abgebildet wird, ist das Wachstum damit nicht durch die Akquisition verzerrt. Der Eigentumsanteil der Osram-Beteiligung belief sich zum Bilanzstichtag nämlich nur auf 19,99 Prozent. Erst im Folgejahr 2020 (ab dem 3. Quartal 2020) werden die Effekte der 2,7 Milliarden Euro schweren Übernahme in der Bilanz erwartet. Obwohl die Übernahme erst vor kurzem von der EU genehmigt wurde, stockte AMS ihren Anteil auf zuletzt über 70 Prozent auf. Geplant ist es weiter, den Anteil mit Mittel aus dem operativen Geschäft weiter zu erhöhen.


Der Geschäftsfokus verschiebt sich durch die Osram-Übernahme

Die Übernahme von Osram hat zur Folge, dass AMS seinen ursprünglichen Umsatzmix zugunsten der Automobilindustrie verschiebt. Zukünftig werden rund 35 bis 40 Prozent der Umsatzerlöse aus dem Automotive-Sektor erwartet. Der ursprüngliche Anteil der Umsätze des Konsumgütergeschäfts wird sich aller Voraussicht nach fast halbieren. Die bessere Diversifikation bringt allerdings auch eine größere Zyklik mit ins Unternehmen, denn die Automobilindustrie ist sehr empfindlich gegenüber konjunkturellen Schwankungen.


Die letzten Quartalszahlen und der Ausblick

Im zweiten Quartal 2020 konnten die Umsatzerlöse um 13 Prozent auf 460 Millionen US-Dollar gesteigert werden. Aus Sicht des ersten Halbjahres 2020 beläuft sich der Umsatzzuwachs auf 22 Prozent. In den ersten sechs Monaten des Jahres 2020 wurde ein Umsatz von 961 Millionen US-Dollar vereinnahmt.

Das bereinigte Ergebnis der betrieblichen Tätigkeit (EBIT) erhöhte sich von 49 Millionen US-Dollar im zweiten Quartal 2019 auf aktuell 90 Millionen US-Dollar, was einem Zuwachs von 83,8 Prozent entspricht. Im ersten Halbjahr 2020 konnte das bereinigte EBIT von 72 Millionen US-Dollar auf 191 Millionen US-Dollar gesteigert werden.

An den Zahlen des zweiten Quartals merkt man schon deutlich eine Abschwächung des Wachstums. Nach Unternehmensangaben kompensiert aber die anhaltende Consumer-Nachfrage – dahinter steckt die Stärke der Apple iPhones – die Schwäche im Automotive- und Industriemarkt.

Insgesamt erwartet das Management trotz Covid-19 ein sehr gutes drittes Quartal durch neue Produkte im Consumer-Markt. Konkret wird der Umsatz von AMS zwischen 530 und 570 Millionen US-Dollar erwartet, 20 Prozent mehr als im Vorquartal. Die bereinigte AMS-EBIT-Marge soll im dritten Quartal 2020 zwischen 21 und 24 Prozent liegen. Voraussetzung ist natürlich, dass keine weiteren unvorhergesehen negativen Folgen der Covid-19-Pandemie eintreten.


Aktienkursentwicklung und wichtige Kennzahlen der HGI-Analyse

Entwicklung der AMS Aktie in den letzten 2 Jahren

Wichtige Kennzahlen aus der High-Growth-Investing-Analyse sind das EV/Sales Ratio, der Score der Rule-of-40 sowie das PEG Ratio.

Aufgrund der hohen Free Cashflow Marge von 31 Prozent errechnet sich bei dem Umsatzwachstum von 36,4 Prozent ein ebenfalls hoher Wert der Rule-of-40. Der Score beläuft sich aktuell auf 67 Prozent. Ab einem Wert von 40 bekommen Aktien gemäß der Kriterien der HGI-Strategie mindestens einen Punkt. Je höher der Wert, desto effizienter erscheint das Wachstum des Unternehmens.

Das PEG Ratio setzt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (P/E-Ratio) in Relation zum Gewinnwachstum. Ein Wert zwischen 0 und 1 kann auf einer Unterbewertung hindeuten. Bei AMS beläuft sich diese Kennzahl aufgrund eines KGVs von 5,8 sowie des starken Gewinnwachstums von 582 Prozent auf 0,01 (basierend auf den vergangenen 12 Monaten TTM).

Da die Gewinne von AMS starken Schwankungen unterliegen und aktuell auch akquisitionsbedingt ein wenig verzerrt sind, sollte man der Höhe der Kennzahl nicht zuviel Bedeutung beimessen. Eins sei aber noch angemerkt: Auch mit den schlechteren Werten aus der Levermann-Analyse auf der Basis der erwarteten Zahlen für 2020 (aktuelles KGV von 15 und einem erwarteten Gewinnwachstum von 61 Prozent) liegt das PEG-Ratio noch deutlich unter eins.

Dass die AMS-Aktie günstig ist, darauf deutet auch die Kennzahl EV/Sales hin. Die Kennzahl setzt den Enterprise Value in Relation zum Umsatz. Je niedriger die Zahl, desto günstiger erscheint die Aktie. Für AMS konnte hier ein Wert von 2,6 ermittelt werden – eine sehr günstige Zahl, für die es in der High-Growth-Investing-Analyse auch drei Punkte gab.

Zum Vergleich: Die Intel-Aktie wird trotz großer aktueller Probleme mit einem ähnlichen EV/Sales-Verhältnis bewertet. TSMC und AMD sind mit EV/Sales-Verhältnissen von 10 bzw. 12 wesentlich teurer.

Weitere HGI-Punkte konnte die AMS-Aktie mit dem Verschuldungsgrad sowie dem Umsatzwachstum sammeln.

Wichtige Kennzahlen High Growth Investing HGI Strategie zur AMS Aktie


Bewertung der AMS Aktie

An den zwei Kennzahlen EV/Sales sowie dem PEG-Ratio aus der High-Growth-Investing-Analyse konnte man bereits eine mögliche Unterbewertung der Aktie erkennen.

Entwicklung KGV von AMS über die letzten 2 Jahre

Ein Blick auf das aktuelle KGV von 15 bei einem erwarteten Gewinnwachstum von über 60 Prozent bestätigt diese Sichtweise nochmals. Und auch der Free Cashflow in Relation zum Enterprise Value unterbietet das KGV mit einem Wert von 8,4 nochmals deutlich.

Einzig das durchschnittliche KGV der letzten fünf Jahre von 10,6 zeigt, dass die Aktie historisch teuer sein könnte.

Unternehmenskennzahlen von AMS im Überblick


Analyse der AMS Aktie – Fazit

Gemäß den Ergebnissen aus der High-Growth-Investing-Analyse ist die AMS-Aktie mit ihren Kennzahlen ein attraktiver Kaufkandidat nach der HGI-Strategie.

Da die Kennzahlen noch nicht durch die Osram-Übernahme verwässert wurden, wirken sie umso überzeugender. Die Osram-Übernahme, die sich wahrscheinlich erst ab dem dritten Quartal 2020 in den Finanzkennzahlen niederschlägt, wird für einen weiteren anorganischen Schub sorgen.

Es wird spannend zu beobachten, wie sich das Zahlenwerk am Ende wirklich durch die Übernahme verändert. Das Umsatzwachstum wird weiter anziehen und auch die Verschuldungskennzahl könnte sich verbessern.

Warum? AMS hatte zuletzt mit einer Kapitalerhöhung seine Eigenkapitalbasis gut gestärkt. Außerdem hatte Osram in der HGI-Analyse zuletzt einen leicht besseren Verschuldungsgrad. Eine Verschlechterung könnte man hingegen bei der Gross Margin erwarten, denn Osram verfügt hier über schlechtere Kennzahlenwerte.

Insgesamt sollte das Geschäftsmodell von AMS durch den höheren Anteil der Umsätze aus der Automobilindustrie zyklischer werden. Ob damit eine nachhaltig positive Weiterentwicklung des AMS-Geschäftsmodells gelungen ist, das bleibt abzuwarten. Fakt ist aber, dass Osram vor der Übernahme nicht durch Wachstum überzeugte – AMS hingegen schon.

Es wird daher darauf ankommen, wie sich das neue Unternehmen zukünftig genau aufstellt und ob die geplanten Synergien auch tatsächlich so eintreten wie erhofft.

Am Ende muss in der aktuellen Situation jeder Investor selbst entscheiden, ob die neue Kombination AMS/Osram für ihn eine gute Wette im Halbleitermarkt ist oder ob er lieber auf die Halbleiter-Unternehmen mit hoher Gross Margin setzen möchte.


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Autor: Frank Seehawer

Frank Seehawer ist mehrere Jahre als Investor Relations Manager und Wertpapieranalyst tätig gewesen. Als graduierter Ökonom beschäftigt er sich schon seit über 20 Jahren mit den Aktienmärkten im In- und Ausland. Sein Fachwissen über Aktien teilt er als freier Autor unter anderem mit den Lesern der deutschen Ausgabe von Motley Fool.